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Praxis & Umsetzung

Einfache Sprache im Web: verständliche Texte für alle

Einfache Sprache von Leichter Sprache abgrenzen, Verständnisbarrieren ohne Zusatzbudget senken und mehr Menschen erreichen - ein Baustein der BFSG-Konformität.

12 Min. Lesezeit Einfache SpracheVerständlichkeitWCAGDIN 8581-1Textqualität

Verständliche Texte gelten oft als nettes Extra - schön, wenn Zeit bleibt, aber verzichtbar. Dabei entscheidet die Sprache einer Website darüber, wer ihre Inhalte überhaupt nutzen kann. Die LEO-Studie 2018 der Universität Hamburg zählt allein 6,2 Millionen (LEO 2018) gering literalisierte Erwachsene in Deutschland, das sind 12,1 Prozent (LEO 2018) der 18- bis 64-Jährigen. Weitere 13,3 Millionen (LEO 2018) Erwachsene schreiben auch bei gebräuchlichem Wortschatz noch fehlerhaft. Für sie und für viele weitere Leserinnen und Leser ist ein verschachtelter Amtssatz eine echte Barriere. Einfache Sprache senkt diese Barriere, ohne den Inhalt zu verwässern. Dieser Leitfaden grenzt Einfache Sprache klar von Leichter Sprache ab, zeigt die Regeln der DIN 8581-1 und erklärt, wie Sie Verständnisbarrieren ohne Zusatzbudget abbauen und dabei sowohl Reichweite gewinnen als auch Ihre BFSG-Anforderungen erfüllen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Einfache Sprache und Leichte Sprache sind nicht dasselbe: Leichte Sprache folgt einem strengen Regelwerk für Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Einfache Sprache liegt zwischen Standard- und Leichter Sprache und richtet sich an ein breites Publikum.
  • Die Zielgruppe ist groß: 6,2 Millionen (LEO 2018) Erwachsene in Deutschland sind gering literalisiert, weitere 13,3 Millionen (LEO 2018) schreiben auch bei gebräuchlichen Wörtern fehlerhaft.
  • Verständlichkeit hilft allen: Nutzerinnen und Nutzer lesen im Schnitt nur 20 bis 28 Prozent (Nielsen Norman Group) der Wörter einer Seite - klare Texte gewinnen auch geübte Leser.
  • Seit 2024 gibt es mit der DIN 8581-1 und der DIN ISO 24495-1 erstmals ein verbindliches Regelwerk für Einfache Sprache auf Text-, Satz-, Wort- und Gestaltungsebene (DIN).
  • Einfache Sprache ist ein Baustein der BFSG-Konformität: Sie stärkt die Verständlichkeit, auf die auch die WCAG-Kriterien 3.1.3, 3.1.4 und 3.1.5 zielen (W3C).
  • Der Weg führt über ein Textaudit: die wichtigsten Seiten prüfen, Verständnisbarrieren priorisieren und gezielt umschreiben - meist ohne neuen Inhalt, nur mit klarerer Form.

Einfache Sprache ist nicht Leichte Sprache

Der häufigste Irrtum beginnt schon beim Begriff. Einfache Sprache und Leichte Sprache klingen ähnlich, meinen aber zwei verschiedene Dinge. Leichte Sprache ist ein stark geregeltes Konzept: sehr kurze Sätze, ein klar begrenzter Wortschatz, große Schrift, oft ein Mediopunkt zum Trennen langer Wörter und in der Regel eine Prüfung der Texte durch die Zielgruppe. Sie richtet sich im Kern an Menschen mit kognitiven Einschränkungen und an Menschen, die Deutsch neu lernen. Einfache Sprache steht eine Stufe darüber: Sie erlaubt einen größeren Wortschatz und etwas komplexere Sätze, bleibt aber deutlich klarer als die übliche Standard- oder Fachsprache. Ihre Zielgruppe ist bewusst breit und ausdrücklich nicht auf Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen beschränkt (DIN 8581-1).

Für die Praxis heißt das: Leichte Sprache ist die richtige Wahl, wenn ein Angebot gezielt Menschen mit Lernschwierigkeiten erreichen soll - etwa in Behörden, im Sozialwesen oder bei zentralen Bürgerinformationen. Für die meisten Unternehmensseiten, Onlineshops und Dienstleistungsangebote ist Einfache Sprache der passende Hebel, weil sie verständlich bleibt, ohne den Charakter der Marke aufzugeben. Wer beide Register anbietet, deckt das gesamte Spektrum ab; unsere Leistung zur Leichten und Einfachen Sprache verbindet daher beide Ansätze.

Ein Spektrum, keine Entweder-oder-Frage

Zwischen Fachsprache und Leichter Sprache liegt ein ganzes Spektrum. Einfache Sprache besetzt die Mitte: verständlicher als der Behördenstil, freier als das strenge Regelwerk der Leichten Sprache. Für die Auswahl zählt die Zielgruppe der jeweiligen Seite - nicht ein pauschales Bekenntnis zu nur einem Register.
MerkmalLeichte SpracheEinfache Sprache
ZielgruppeMenschen mit kognitiven Einschränkungenbreites Publikum, geübte und ungeübte Leser
Regelwerkstreng, mit Prüfung durch BetroffeneLeitlinien nach DIN 8581-1, flexibler
Satzlängesehr kurz, ein Gedanke pro Satzkurz bis mittel, klar gegliedert
Wortschatzstark begrenzt, Fachwörter erklärtgrößer, Fachwörter sparsam und erklärt
Typischer EinsatzBehörden, Bürgerinfos, SozialesUnternehmensseiten, Shops, Dienstleistungen

Wie viele Menschen von verständlichen Texten profitieren

Die Zahl der Menschen, die von klaren Texten profitieren, ist größer als viele annehmen. Die LEO-Studie 2018 beziffert die gering literalisierten Erwachsenen in Deutschland auf 6,2 Millionen (LEO 2018) oder 12,1 Prozent (LEO 2018) der 18- bis 64-Jährigen. Das ist gegenüber 2010, als noch 7,5 Millionen (LEO 2018) gezählt wurden, zwar ein Rückgang, bleibt aber eine sehr große Gruppe. Hinzu kommen 13,3 Millionen (LEO 2018) Erwachsene, deren Schriftsprache auch bei gebräuchlichem Wortschatz fehlerhaft ist. Verständliche Texte erreichen also nicht eine kleine Randgruppe, sondern einen erheblichen Teil der erwachsenen Bevölkerung.

Doch der Nutzen reicht weit über diese Gruppen hinaus. Untersuchungen der Nielsen Norman Group zeigen, dass Nutzerinnen und Nutzer im Schnitt nur 20 bis 28 Prozent (Nielsen Norman Group) der Wörter einer Webseite tatsächlich lesen; die meisten überfliegen den Text und suchen gezielt nach Antworten. Menschen mit geringer Lesekompetenz können nicht überfliegen - sie lesen Wort für Wort und geben schneller auf, wenn ein Satz zu verschachtelt ist. Für allgemeine Zielgruppen empfiehlt die Nielsen Norman Group ein Leseniveau um die sechste bis achte Klassenstufe (Nielsen Norman Group). Ein klarer Text bedient beide: den eiligen Überflieger und den langsamen Leser.

Gering literalisierte Menschen

6,2 Millionen (LEO 2018) Erwachsene lesen und schreiben unterhalb des Niveaus, das komplexe Webtexte voraussetzen.

Deutsch als Zweitsprache

Wer Deutsch neu lernt, versteht kurze, direkte Sätze deutlich schneller als Fach- und Amtssprache.

Menschen in Eile

Am Smartphone, unterwegs oder unter Zeitdruck überfliegt fast jeder - klare Struktur führt schneller zum Ziel.

Screenreader-Nutzer

Vorgelesene Texte profitieren von kurzen Sätzen und klarer Gliederung; verschachtelte Sätze sind akustisch schwer zu fassen.

Ältere Menschen

Nachlassende Konzentration und Sehkraft machen lange, dichte Absätze zur Hürde - Einfache Sprache entlastet.

Fachfremde Leser

Auch Expertinnen und Experten außerhalb ihres Gebiets sind froh über verständliche statt fachschwere Erklärungen.

Verständlichkeit ist keine Nische

Einfache Sprache schließt niemanden aus. Geübte Leser verstehen klare Texte genauso gut wie komplexe - nur schneller. Wer für die schwächste Lesekompetenz schreibt, verbessert die Seite für alle.

Was einfache Sprache im Web ausmacht

Seit 2024 muss Einfache Sprache nicht mehr aus dem Bauch heraus entstehen. Mit der DIN ISO 24495-1 und der darauf aufbauenden DIN 8581-1 existiert erstmals ein Regelwerk, das Einfache Sprache auf vier Ebenen beschreibt: Text, Satz, Wort und Gestaltung (DIN). Die übergeordnete Norm formuliert vier Grundsätze - die Leserschaft soll finden, was sie braucht, leicht verstehen, was sie findet, und die Information anwenden können (DIN ISO 24495-1). Für Webtexte lässt sich daraus eine überschaubare Liste konkreter Regeln ableiten, die ohne Spezialwissen umsetzbar ist.

  • Kurze Sätze mit einem Gedanken - lange Schachtelsätze auflösen
  • Aktive statt passiver Formulierungen und direkte Anrede der Leser
  • Bekannte, alltägliche Wörter; Fachbegriffe nur wenn nötig und dann erklärt
  • Wichtiges zuerst: die Kernaussage an den Anfang, nicht ans Ende
  • Aussagekräftige Zwischenüberschriften, die den Inhalt vorwegnehmen
  • Aufzählungen statt langer Fließtextketten, wo eine Liste passt
  • Abkürzungen und Fremdwörter vermeiden oder beim ersten Auftreten erläutern
  • Ausreichend große Schrift, klare Absätze und viel Weißraum für Ruhe im Layout

Diese Regeln stehen nicht im Widerspruch zu einer starken Marke. Ein klarer Text kann trotzdem Haltung und Ton transportieren - er verzichtet nur auf unnötige Hürden. Wie sich Schriftwahl, Schriftgröße und Zeilenlänge auf die Lesbarkeit auswirken, vertieft der Beitrag zur barrierefreien Typografie. Und weil Verständlichkeit im Alltag von den Menschen abhängt, die Inhalte pflegen, gehört die konsequente Umsetzung auch in die Schulung des Redaktionsteams.

Verständlichkeit, WCAG und das BFSG

Wie verbindlich ist Einfache Sprache rechtlich? Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gilt seit dem 28. Juni 2025 (Bundesfachstelle Barrierefreiheit) für weite Teile des digitalen Verbrauchergeschäfts und verweist über die Norm EN 301 549 auf die Web Content Accessibility Guidelines. Auf der Konformitätsstufe AA, die als Maßstab dient, ist ein bestimmtes Leseniveau nicht ausdrücklich vorgeschrieben - das Erfolgskriterium 3.1.5 Lesbarkeit, das ein Niveau unterhalb der unteren Sekundarstufe verlangt, liegt auf der strengeren Stufe AAA (W3C). Zwei weitere Kriterien betreffen die Verständlichkeit aber schon auf niedrigerer Stufe: 3.1.3 Ungewöhnliche Wörter und 3.1.4 Abkürzungen (W3C).

Daraus folgt kein Freibrief, komplex zu schreiben. Verständlichkeit ist ein tragendes Prinzip der Barrierefreiheit, und Einfache Sprache ist der praktische Weg, es einzulösen. Sie zahlt unmittelbar auf mehrere WCAG-Anforderungen ein und macht eine Seite für Menschen nutzbar, die sonst am Text scheitern. Ein WCAG-Audit erfasst deshalb neben technischen Barrieren auch die sprachliche Ebene und ordnet die Befunde in die geltenden Anforderungen ein. Verständliche Texte sind damit kein isoliertes Extra, sondern ein Baustein der Konformität - ähnlich wie klare Struktur und guter Kontrast, deren doppelten Nutzen der Beitrag zu Barrierefreiheit und SEO beschreibt.

Sprache gehört ins Audit

Ein Test mit Prüfwerkzeugen findet fehlende Alt-Texte und schwachen Kontrast, aber keine unverständlichen Sätze. Verständlichkeit zeigt sich erst in der manuellen Prüfung und im Test mit echten Nutzern - deshalb gehört die Textebene fest in jede ernsthafte Barrierefreiheitsprüfung.

So senken Sie Verständnisbarrieren ohne Zusatzbudget

Der Einstieg in Einfache Sprache verlangt kein großes Budget für neue Inhalte. In den meisten Fällen ist der Inhalt bereits vorhanden - er ist nur zu kompliziert verpackt. Der wirksamste Hebel ist deshalb nicht das Schreiben neuer Texte, sondern das gezielte Umschreiben der wichtigsten bestehenden Seiten. Ein Textaudit macht sichtbar, wo die größten Verständnisbarrieren liegen, und priorisiert nach Wirkung: Seiten mit hohem Traffic, Formulare, Erklärungen zu Preisen und Bedingungen sowie der Weg zum Abschluss verdienen die erste Aufmerksamkeit.

  1. Die wichtigsten Seiten bestimmen - dort, wo Nutzer verstehen und handeln müssen
  2. Verständnisbarrieren erfassen: lange Sätze, Passiv, Fachbegriffe, Schachtelungen
  3. Nach Wirkung priorisieren statt die ganze Website auf einmal anzufassen
  4. Texte nach DIN 8581-1 umschreiben: kürzen, gliedern, direkt ansprechen
  5. Mit echten Menschen gegenlesen, idealerweise aus der Zielgruppe
  6. Verständlichkeit in Redaktionsrichtlinien verankern, damit neue Inhalte klar bleiben

Dieses schrittweise Vorgehen verteilt den Aufwand und zeigt früh Wirkung. Schon die Überarbeitung weniger zentraler Seiten senkt die Zahl der Menschen, die vorzeitig abbrechen. Ein einheitlicher Umgang mit Sprache, Struktur und Komponenten fällt zudem leichter, wenn Bausteine von Anfang an klar benannt sind - ein Zusammenhang, den der Beitrag zum barrierefreien Design System aufgreift. Auch bewegte Elemente wie Slider und Karussells profitieren von kurzen, klaren Beschriftungen.

Reichweite und Conversion: klare Texte zahlen sich aus

Der wirtschaftliche Nutzen verständlicher Texte ist konkret. Wer mehr Menschen erreicht, verliert weniger Interessenten auf dem Weg zum Abschluss. Ein Formular, das jeder versteht, wird häufiger ausgefüllt; eine Preisseite ohne Fachchinesisch führt seltener zu Rückfragen und Abbrüchen. Die Nielsen Norman Group betont, dass klare Sprache allen Lesegruppen nützt - auch hochgebildeten Nutzern, die Fachtexte zwar verstehen, aber ebenfalls lieber schnell zum Punkt kommen (Nielsen Norman Group). Verständlichkeit ist damit kein Kompromiss zulasten anspruchsvoller Inhalte, sondern eine Steigerung ihrer Wirkung.

Hinzu kommt die Auffindbarkeit. Klare Überschriften, kurze Absätze und eindeutige Begriffe helfen nicht nur Menschen, sondern auch Suchmaschinen, die Inhalte einer Seite einzuordnen. Und für Menschen, die sich Inhalte vorlesen lassen, entscheidet die Satzlänge über die Verständlichkeit beim Hören - ein Punkt, den der Beitrag zur Screenreader-Optimierung vertieft. Verständliche Sprache wirkt so an mehreren Stellen zugleich: für die Zielgruppe, für die Technik und für das Geschäft.

Wer für die schwächste Lesekompetenz schreibt, schließt niemanden aus - er öffnet die Seite für alle und verliert dabei nichts an Substanz.

Grundsatz aus der Praxis der barrierefreien Textredaktion

Einfache Sprache ist damit weder eine Geschmacksfrage noch ein reines Pflichtthema. Sie senkt reale Barrieren für Millionen Menschen, stärkt die Verständlichkeit, auf die auch die WCAG-Kriterien zielen, und macht Angebote wirksamer. Am Anfang steht kein großes Projekt, sondern ein ehrlicher Blick auf die wichtigsten Texte - und die Frage, ob sie wirklich jeder versteht. Wo die Antwort unsicher ist, lohnt sich ein Textaudit, das Verständnisbarrieren sichtbar macht und die Überarbeitung in die Leistungen der Barrierefreiheit einbettet.

Dieser Artikel basiert auf Daten aus: LEO-Studie 2018 der Universität Hamburg (Leben mit geringer Literalität), DIN 8581-1 und DIN ISO 24495-1 (Einfache Sprache), W3C Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2 - Erfolgskriterien 3.1.3, 3.1.4 und 3.1.5, Nielsen Norman Group (Lower-Literacy Users und Plain Language), EN 301 549 sowie den Angaben der Bundesfachstelle Barrierefreiheit zum Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG).

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